Tipps für Beifahrerinnen

Vorbemerkung: Um der erfahrungsgemäß am häufigsten auftretenden Situation gerecht zu werden, verwende ich im folgenden das männliche Geschlecht für den Fahrer, bzw. Schrauber, bzw. Hauptbesitzer des LKW, und das weibliche Geschlecht für die Beifahrerin, bzw. Partnerin des Schraubers. Sollten sich Gleichstellungsbeauftragte, Antidiskriminierungswächter und Pädagoginnen damit nicht einverstanden zeigen, möge die geschlechtliche Zuordnung beim Lesen gedanklich ganz nach Gutdünken verändert werden.

Liebe Frauen, Freundinnen, Beifahrerinnen eines Allrad-LKW-Fahrers!

Tröstet Euch! Es gibt keine Argumente, die den vom Virus Befallenen dauerhaft und wirkungsvoll vom Kauf und Betrieb eines (alten) Allrad-LKW abhalten. Da hilft kein Rhetorikkurs für Fortgeschrittene, kein Schmollmund und keine Szene. Wenn der Entschluss zum Kauf gefasst ist, dann wird über kurz oder lang auch ein LKW ins Haus kommen. Das muss so sein.
Ist der LKW bereits da? Prima! Dann ist jetzt die beste Zeit, sich mit dem neuen Familienmitglied anzufreunden.
Vermeidet nach Möglichkeit Kommentare wie
„Oh Gott, ist der groß!“
„Eine Schönheit ist er ja nicht gerade.“
„Was hat der nur für große Reifen?“
„Ist das etwa Rost?“
„Wieviel verbraucht der denn?“
„Damit kriegen wir ja nie einen Parkplatz!“
So ein LKW hat Charme. Manchmal sieht man das erst auf den zweiten Blick, aber glaubt mir, Charme hat er.

Nun ist also der LKW Teil Eures Haushalts geworden, und Ihr gewinnt vielleicht den Eindruck, es gäbe nichts anderes mehr auf der Welt. Macht Euch nichts draus, es kann Euch eines Tages genauso ergehen. Um Euch die Gewöhnung an das Hobby Eures Schraubers zu erleichtern, hat Wilmaaa ein paar Gedanken dazu aufgeschrieben.

Zunächst einmal solltet Ihr herausfinden, wie das Auto heißt. Nicht den Kosenamen, den die meisten alten LKW meist recht schnell bekommen, sondern Marke und Typenbezeichnung. Euch schwirrt vor lauter Zahlen und Buchstaben schon der Kopf? Keine Panik! Am Anfang ist es eher unwichtig, den genauen Unterschied zwischen 130D7, 1113B und 404S zu kennen. Hauptsache, Ihr wisst, wie Euer Fahrzeug heißt. Der Rest kommt von alleine. Die Jungs haben das auch nicht schon immer gewusst, die tun nur so. Aber das kennt Ihr ja sicher aus anderen Bereichen. :-)

Ihr werdet z.B. auf Treffen oder in Internetforen Diskussionen zu Reifengrößen, Batteriekapazität, Ein- und Mehrbereichsöl, Hydrair, Dreipunktlagerung, Frontlenker und Hauber, und vielem mehr mitbekommen. Alles böhmische Dörfer? Stimmt. Da hilft nur eines: zuhören, mitlesen, nachfragen. Wenn Ihr Euch nicht für die Feinheiten interessiert, auch gut. Viel wichtiger ist, dass Ihr das Auto mögt. Ja, richtig gelesen. Ein alter LKW will gemocht, mehr noch, geliebt werden. Macht Euch mit seinen Eigenheiten vertraut. Lernt seine Stärken kennen, und seine Macken. Seht Ihr das Leuchten in den Augen des Fahrers? Darauf kommt es an. Nicht auf rationale Argumente, sondern auf das Gefühl, das dahintersteht.

Es mag seine Zeit dauern, bis das Fahrzeug restauriert und fahrbereit ist. Auch das macht Spaß. Vor allem, wenn man es gemeinsam tut. Keine Ahnung von Technik? Macht nix. Rostschutzfarbe auftragen könnt Ihr auch. Und letztendlich sind das alles nur Schrauben.

Ihr werdet des öfteren ölige, total verschmutzte Klamotten und einen ebensolchen Schrauber antreffen. Macht Euch keine Mühe, das Öl aus der Kleidung zu entfernen, denn am nächsten Schraubertag wird es wieder da sein. Schafft einfach Platz im Kleiderschrank, damit die Arbeitskleidung nicht mit den anderen, feineren Stoffen in Berührung kommt. Wenn im Kleiderschrank kein Platz ist, bringt die Sachen in die Rumpelkammer oder ins Billardzimmer. Wenn Ihr sie Euch aus den Augen schafft, braucht Ihr Euch nicht darüber aufzuregen. Beim Schrauben sauberzubleiben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Vergesst jegliche Nörgelei darüber. Besorgt Handwaschpaste und eine Wurzelbürste, und lasst Euren Schrauber keine hellen Handtücher benutzen. Auch das erspart Verdruss. An den Geruch von Diesel, Öl und Bremsenreiniger werdet Ihr Euch gewöhnen. Versprochen.

Wenn Ihr irgendwann Lust bekommt, selbst zu fahren, nur zu! Traut Euch, es wird Spaß machen.
Natürlich ist ein LKW kein Kleinwagen. An die hohe Sitzposition muss man sich gewöhnen, aber die kennt Ihr ja schon vom Mitfahren.
Das Lenkrad ist groß, der Schalthebel lang, und einen Innenspiegel gibt es auch nicht. Aber das ist alles halb so wild. Setzt Euch einfach mal auf den Fahrersitz, macht es Euch gemütlich. Denkt noch nicht ans Fahren, guckt Euch nur um. Was seht Ihr? In den Außenspiegeln, nach vorne raus, zur Seite? Welche Instrumente und Anzeigen gibt es? Wenn Ihr mögt, macht den Motor an. Worauf dabei zu achten ist, wisst Ihr vielleicht schon vom Zuschauen. Wenn nicht, fragt Euren Schrauber. Der sollte es wissen. Hört dem Motor ein Weilchen zu. Und macht ihn wieder aus, falls Euch just in diesem Moment die Lust verlässt. Lasst es langsam angehen. Gefrustet aufzugeben, weil Ihr Euch noch nicht getraut habt, ist nicht Sinn der Sache. Lasst Euch einfach Zeit.
Wenn Euer Auto keine Servolenkung hat, versucht gar nicht erst, im Stand zu lenken. Es wird nicht funktionieren. Sobald die Räder rollen, geht es aber meist. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, und niemand verlangt, dass Ihr gleich am ersten Tag in eine enge Lücke hineinmanövriert. Bei vorhandener Servolenkung sollte der Motor laufen, damit sie wirken kann.
Dennoch: kräftig zulangen müsst Ihr allemal. Aber lasst Euch gesagt sein: wer Kleinkinder tragen kann, wer locker beim Langstrecken-Einkaufstüten-Schlepp-Wettbewerb mithält, wer sich im häuslichen Kampf mit Wäschekorb, Bügeleisen und Staubsauger nicht unterkriegen lässt, der kann auch LKW fahren.
Das Losfahren funktioniert im Prinzip wie im PKW, und je mehr Ihr trainiert, desto besser wird es klappen.

Und wenn Ihr Euch doch mal ausweinen müsst, wendet Euch vertrauensvoll an Wilmaaa. Und denkt immer daran: Ihr seid nicht allein!